Die Stadt des Als-Ob

Herr Seidel erklärt die Welt. Warum es kein Leben in Berlin geben kann. Warum Berlin auf Lügen errichtet ist. Warum Berlin und alles, was damit zu tun hat immer danach trachtet, etwas anderes zu sein, als es tatsächlich ist. Warum es deshalb in Berlin immer nur den Anlauf zum wahrhaftigen Sein geben kann. Warum Berlin nicht Las Vegas ist. Warum Berlin ein Götze ist.

»Berlin ist nicht nur die Stadt des Um-Zu, sondern auch die Stadt des Als-Ob.», sagte Herr Seidel bei unserem nächsten Treffen. «Ich erwähnte es bereits.»

Ich schwieg.

»Und jetzt möchten Sie sicher wissen, was ich damit meine.», sagte Herr Seidel und sah mich an.

Ich nickte.

»Nichts in dieser Stadt namens Berlin ist echt.», begann Herr Seidel.

»Es gibt kein echtes Leben in dieser Stadt namens Berlin. Ebenso, wie es kein richtiges Leben im Falschen geben kann.», sagte er.

»Da Berlin nur eine Projektion ist, wie mein Freund Meis-zen es einmal so trefflich ausgedrückt hat, ist ganz Berlin ohnehin nur eine Als-Ob-Konstruktion. Eine Als-Ob-Konstruktion, in der sich nur Als-Ob-Menschen befinden, die ein Als-Ob-Leben führen.», rief er.

»In der Zeit der Teilung dieser so genannten Stadt namens Berlin war, es als ob es zwei Städte namens Berlin gäbe. Anschließend dann war es recht schnell so, als ob es nie eine Mauer gegeben hätte und als ob es sich nun um eine einzige Stadt namens Berlin handelt, die dort in dieses sumpfige Gebiet geklatscht daliegt.», sagte Herr Seidel. «Seit ein paar Jahren ist es nun so, als ob Berlin Deutschlands Hauptstadt wäre. In Berlin fühlen sich viele so, als ob sie in einer Weltstadt wären. An Sylvester ist am Brandenburger Tor eine Stimmung, als ob man in New York den Jahreswechsel begehen würde!», rief er.

»Nach wenigen Wochen fühlen sich die neu angekommenen, armen Seelen, die wie Lemminge in diese Als-Ob-Stadt gepilgert sind, als ob sie schon seit Ewigkeiten in diesem verkommenen Moloch gelebt hätten. In Moabit ist es als ob man in der Türkei wäre, in Berlin-Karlshorst ist es als ob man in Russland wäre, in Kreuzberg ist es, als ob man in einem Schmelztiegel wäre und in Berlin-Mitte ist es als ob man in München-Schwabing wäre.», sagte Herr Seidel.

»Um wie Frank Sinatra zu sein, tat etwa das so genannte Berliner Original Harald Juhnke so, als ob Berlin Las Vegas wäre.», rief er.

»So wie die so genannten Berliner immer alles und wieder alles tun, um etwas anderes zu tun, so tun sie dieses andere dann jeweils nur als ob sie es wirklich täten.», sagte Herr Seidel.
»Und ebenso wie es unmoralisch ist immer alles um einer andere Sache willen zu tun, ist es zutiefst verwerflich diese Dinge dann jeweils auch nur zu tun, als ob man sie täte. So kann es in dieser Stadt namens Berlin niemals ein wahrhaftiges Sein geben. Alles und alles ist immer nur immer und immer wieder ein Anlauf zum Sein, der sich in einem schwächlichen und lügenhaften Als-Ob und einem konditionierten Um-Zu erschöpft.», sagte er.

»Dies sind die beiden Lügensäulen, auf denen diese Stadt namens Berlin errichtet ist und weder ein Philosoph, noch ein Historiker würde mir in dieser These widersprechen, dass aus diesen beiden Lügensäulen alle Lügen und Schändlichkeiten dieser Stadt namens Berlin zwangsläufig und in ewiger Wiederkehr folgen. Und es übersteigt mein Vorstellungsvermögen, auf welche Weise aus diesem Teufelskreis des konditionierten Handelns und verlogenen Alibituns einmal ein wahrhaftiges Sein entstehen kann.», rief er.

»Die Stadt namens Berlins ist nicht. Es ist nur so, als ob es eine Stadt namens Berlin gäbe. Und dies reden sich die so genannten Berliner auch nur ein, um ein Dach über dem Kopf zu haben und um zugleich einen Götzen zu haben, den sie anbeten können. Den Götzen namens Berlin.», rief er mit donnernder Stimme.

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