Big Data kills the Psychology-Star?

Wer in den 1990er Jahren Psychologie studierte, der musste noch lernen von Hand Korrelationen und Standardabweichungen zu berechnen um den gefürchteten Statistikschein zu ergattern. Manche sagten Statistik sei gar nicht wichtig, andere sagten ohne Statistik sei alles nichts. Fest stand der Statistikschein war überwiegend Freibrief, der seine Inhaber hoffen ließ sich nie mehr mit diesem ungebliebten Sujet auseinandersetzen zu müssen. Eine Hoffnung, die sich für die meisten zerschlug, wenn sie sich daran machen sollten eine Diplomarbeit zu schreiben. Da konnte man nur hoffen einen Statistikfreak im Bekanntenkreis zu wissen, der sich mit Feuereifer auf die Daten stürzte, die man in einer kleinen Fragebogenstudie zusammengesammelt hatte – um fortan möglichst niemals mehr mit Zahlen und Statistiken konfrontiert zu werden, es sei denn sie begegneten einem als Infografiken im viel geschmähten FOCUS.

Vielleicht hat man noch einen Satz aus der Statistikvorlesung im Gedächtnis behalten: Korrelation ist nicht Kausalität, hieß es da. Und dieser Satz wurde durch die Wissenschaftstheorie-Vorlesung gestützt, in der man lernte, was logische Fehlschlüsse, so genannte Paralogismen sind, in denen eben diese Verwechslung von Kausalität und Korrelation passiert: Schuhgröße korreliert mit Intelligenz, in Europa gibt es seit Jahrzehnten immer weniger Störche – damit korreliert die sinkende Geburtenrate. Schuhgröße korreliert übrigens deshalb mit Intelligenz, weil Kinder kleiner Füße haben und in Intelligenztests geringere Werte erzielen als Erwachsene. Und die Sache mit den Störchen – da gibt es vieles, was mit der Geburtenrate korreliert. Aber einen kausalen Grund, einen Hebel, an dem man ansetzen könnte um die Geburtenraten in Europa zu erhöhen, hat man noch nicht gefunden.

In der Wissenschaftstheorie-Vorlesung lernte man außerdem wie wissenschaftlicher Fortschritt stattfindet, nämlich nicht durch Statistik, durch Beweise, durch Beobachtung, sondern durch Ideen und deren kritische Überprüfung, genannt Falsifikation. Empirismus, Positivismus, das schließen vom Spezialfall auf die allgemeingültige Erkenntnis, die Vorstellung man könne wertfrei beobachen und aus der Beobachtung heraus wissenschaftlichen Fortschritt erreichen, das waren uralte Kamellen.

Man lernte die großen Theorien der Sozialpsychologie und die Methoden, mit denen diese überprüft worden waren: Professoren und ihre Assistenten hatten mit einem Matrizendrucker Fragebögen in unterschiedlichen Versionen ausgedruckt und an ein paar Studenten auf der Straße oder im Seminarraum zu verteilen, um auf diese Weise zu überprüfen, ob es stimmte, was man sich zuvor im Büro ausgedacht hatte. Man nannte dieses Vorgehen „Experiment“.

Psychologische Grundlagenforschung, die durch das Ausfüllen von Fragebögen vonstatten ging. Aus heutiger Sicht wirkt das geradezu putzig.

Denn heute braucht man kein Psychologe zu sein um sich mit der Vorhersage menschlichen Verhaltens auseinanderzusetzen. Man muss auch nicht gelernt haben von Hand Standardabweichungen zu berechnen. Man muss vielmehr Statistik und Informatik beherrschen um zu wissen, was Menschen bewegt. Mastering the World heißt eine Komponente des britischen Tempora-Programms zu Ausspionierung des weltweiten Datenverkehrs. Und niemand mag bestreiten, dass wer das Internet beherrscht in Wirklichkeit die Welt beherrscht.

Was bleibt der Psychologie? Nicht leicht zu sagen. Nicht falsch verstehen – ich bin überzeugter Psychologe. Aber vielleicht liegt die Zukunft der Psychologie darin sie nicht als quasi naturwissenschaftliche Disziplin zu verstehen, denn da hechelt sie auf der einen Seite den Hirnforschern und auf der anderen Seite den Big-Data-Spezialisten hinterher. Vielleicht sollte sich die Psychologie als angewandte Wissenschaft ernster nehmen. Und sich zugleich auf ihre philosophischen Wurzeln rückbesinnen.

Interessantes Thema um darüber zu diskutieren – finde ich jedenfalls.

 

Share